Was ermöglicht uns, „den Vater anzuschauen?“ Auch wenn es wie eine hängende Schallplatte klingt, müssen wir uns dem unerschöpflichen Geheimnis der Menschwerdung zuwenden. In der Fülle der Zeit sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau. Im menschlichen Leib Jesu wird Gottes Geheimnis sichtbar. Aus diesem Grund sprach Johannes Paul II. von Leib als einer Theologie. In der Kernaussage seiner berühmten Lehre sagte er, dass der Leib, und nur er, …. das Unsichtbare sichtbar machen kann: das Geistliche und das Göttliche. Er wurde geschaffen, das von Ewigkeit her in Gott verborgene Geheimnis in die sichtbare Wirklichkeit der Welt zu übertragen und so Zeichen des Geheimnisses zu sein. (TDL, 20.2.1980, Nr.4). Eine sehr eindrucksvolle Behauptung. Aber was bedeutet sie?
Wir können geistige Wirklichkeiten nicht sehen. Sie sind schon von ihrer Definition her unsichtbar. Aber der menschliche Leib ist fähig, unsichtbare Wirklichkeiten sichtbar zu machen, so dass wir sie sehen und berühren können. Aufgrund der Menschwerdung können die Apostel das Wort des Lebens verkündigen, nämlich „was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben … (uns was offenbart) wurde….. (und) wir haben (es) gesehen und (können es) bezeugen“ (1 Joh 1,1 – 2). Der Katechismus sagt dazu, dass Gott ( das heißt, mit dem Sohn und dem Heiligen Geist) „dem geformten Fleisch seine eigene Gestalt aufprägte, sodass selbst das Sichtbare die göttliche Gestalt trüge.“
Was ist die göttliche Gestalt? Gott „selbst ewiger Liebesaustausch – Vater, Sohn und Heiliger Geist (KKK, Nr.221). Gott prägte die dreifaltige Gestalt unserem Fleisch ein, indem er uns als Mann und Frau schuf und uns berief, fruchtbar zu sein und uns zu vermehren.
In der Vereinigung und Fruchtbarkeit der Geschlechter entdecken wir die „erschaffene Version“ des unerschaffenen „Liebesaustausches“ der Dreifaltigkeit. Freilich dürfen wir nie vergessen, dass sehr wohl ein Abgrund zwischen dem Erschaffenen und den Unerschaffenen besteht. Diese erschaffene Gemeinschaft (Mann – Frau) vermittelt uns nur einen schwachen Schimmer, nur ein vages Bild der unerschaffenen Gemeinschaft (der Dreifaltigkeit). Aber es gibt uns trotzdem ein Bild. Wie Johannnes Paul II. in einem dramatischen Gedankengang bekräftigte, ist der Mensch „nicht nur durch sein Menschsein als solches (zum Abbild Gottes geworden), sondern durch die personale Gemeinschaft, die Mann und Frau von Anfang an bilden. „Er meinte, dass das vielleicht sogar den tiefsten theologischen Aspekt von allem darstellt, was sich über den Menschen sagen lässt.“ (TDL, 14.11.1979, Nr.3)
Da Christus das vollkommene Abbild Gottes in der Welt ist, sind wir – um genauer zu sein – Abbilder des Ur-Bildes. Wir sind Abbilder Christi in seiner fleischgewordenen Vereinigung mit der Kirche. Wer seinen Nächsten mit reinem Herzen sieht, Sieht Jesus in seiner Vereinigung mit der Kirche. Und wie Benedikt sagt, „können wir in Jesus den Vater anschauen.“

