Liebe ist in erster Linie eine Sache des Willens, nicht der Empfindungen oder Gefühle. Der Wille ist der Ruf, die Gefühle sind das Echo. Die mit der Liebe verbundene Freude und das Wohlbehagen – heute oft vorschnell mit Sexualität gleichgesetzt – sind gleichsam der Zuckerguss auf der Torte. Sie sind kostbar, aber nicht das Eigentliche. Ihr Sinn besteht darin, dass wir die Torte lieben und nicht nur den Zuckerguss.
Ein großer Irrtum besteht darin, zu glauben, die Stärke der gegenseitigen Anziehung sei eine Garantie für die Dauerhaftigkeit der Liebe. Aus der mangelnden Unterscheidung zwischen dem Biologischen und dem Geistigen – zwischen dem, was wir mit den Tieren gemeinsam haben, und dem, was uns als Ebenbild Gottes auszeichnet – entstehen viele Enttäuschungen in der Ehe.
Nicht selten gilt die Liebe dann weniger der Person als vielmehr dem Erlebnis des Verliebtseins. Das Verliebtsein ist vergänglich; die Person hingegen ist einzigartig und unersetzlich. Wer sinnliche Empfindungen mit Liebe verwechselt, wird meinen, die Liebe sei erloschen, sobald die anfängliche Leidenschaft nachlässt. In Wahrheit liebte man dann nicht die Person, sondern genoss vor allem das eigene Geliebt werden – eine subtile Form der Selbstbezogenheit.
Eine Ehe, die ausschließlich auf sexueller Anziehung beruht, bleibt so lange stabil, wie diese Leidenschaft anhält. Nimmt sie ab, wird die Beziehung häufig als „unverträglich“ empfunden. Liebe aber trägt weiter, weil sie nicht auf wechselnden Gefühlen, sondern auf einer freien und treuen Entscheidung gründet.
Warum Sexualität in Krisenzeiten überbetont wird
Die Vorherrschaft der Sexualität in Zeiten kulturellen Niedergangs hat nach dieser Sichtweise zwei Ursachen. Die erste ist der Verlust der Vernunft.
Daher genießen Filme, Internet, Netflix, Fußball und illustrierte Magazine eine so große Popularität. Wird das Denken aufgegeben, drängeln sich ungezügelte Begierden in den Vordergrund. Und da sinnliches und erotisches Verlangen den größten Anreiz bieten und nur wenige geistige Anstrengungen erfordern und zudem die körperlichen Leidenschaften kräftig genährt werden, erlangt die Sexualität höchste Bedeutung. Es ist kein historischer Zufall, dass die Zeit wie die unsrige, die gegenüber dem Geist feindlich eingestellt ist und dem Irrationalen huldigt, auch ein Zeitalter fleischlicher Zügellosigkeit ist.
Die zweite Ursache ist die Ichsucht. Wo der Glaube an Gott, an das ewige Leben und an eine objektive sittliche Ordnung schwindet, erhebt sich das eigene Ich zum letzten Maßstab des Handelns. Jeder wird zum Richter in eigener Sache. Mit wachsender Selbstbezogenheit wächst auch das Verlangen nach persönlicher Befriedigung, während das Wohl des anderen in den Hintergrund tritt.
Sünde ist letztlich immer eine Form der Ichsucht. Liebe hingegen bedeutet Hinwendung zum Du, Selbsthingabe und Selbstüberschreitung.
Die Einheit von Leib und Seele
Bei jeder Betrachtung der ehelichen Liebe gilt es, zwei Extreme zu vermeiden: die leibliche Liebe geringzuschätzen oder die sexuelle Anziehung zum Höchsten zu erheben.
Die geschlechtliche Liebe ist berufen, über sich selbst hinauszuweisen. Steigt sie nicht zur wahren Liebe auf, droht sie in Selbstsucht umzuschlagen. Sie wird dann von einer schöpferischen Kraft zu einer zerstörerischen.
Es ist unmöglich, den Leib hinzugeben und die Seele zurückzuhalten. Wer meint, seelische Treue sei mit körperlicher Untreue vereinbar, übersieht die untrennbare Einheit von Leib und Seele. Es gibt keine von der Person losgelöste Sexualität. In jeder leiblichen Vereinigung ist immer die ganze Person beteiligt.
Nichts ist so tief leiblich und zugleich geistig wie die Vereinigung von Mann und Frau. Darum hat sie einen so tiefgreifenden Einfluss auf den Menschen – zum Guten wie zum Bösen. Freude an der Persönlichkeit des anderen durch die Hingabe der eigenen Person ist Liebe. Die bloße Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse dagegen bleibt eine von der Liebe getrennte Sexualität.
Die Berufung der Sexualität
Sexualität ist keine bloße biologische Funktion. Sie ist eine Gabe Gottes, die den Menschen bereichern und zur Gemeinschaft befähigen soll. Sie dient der liebenden Selbsthingabe und der Entfaltung der ganzen Person.
Die Sexualität ist eines der Mittel, die Gott dem Menschen zur Bereicherung seiner Persönlichkeit verliehen hat. Die Philosophie besagt, dass nichts im Verstand ist, was nicht vorher in den Sinnen war. Wir erlangen all unsere Erkenntnisse durch den Leib. Wir haben einen Leib, sagt Thomas v Aquin, weil unser Verstand so schwach ist.

