Benedikt XVI: Hat das Christentum tatsächlich den Eros zerstört?

Das Christentum – meinte Friedrich Nietzsche – habe dem Eros Gift zu trinken gegeben…. Damit drückte der deutsche Philosoph ein weit verbreitetes Empfingen aus: Vergällt uns die Kirche nicht mit Ihren Geboten nicht das Schönste im Leben? Stelle sie nicht da Verbotstafeln auf, wo uns die vom Schöpfer zugedachte Freude ein Glück anbietet, das uns vom Geschmack des Göttlichen spüren lässt? Aber ist es denn wirklich so? Hat das Christentum tatsächlich den Eros zerstört?

Nietzsches Abrechnung mit der christlichen Sexualmoral eine Auffassung, die, wie Papst Benediktbemerkt, ein großer Teil der Menschheit teilt könnte so zusammengefasst werden: Nach den Moralvorschriften zu leben, ist der schlimmste Spielverderber in Sachen sexueller, körperlicher Liebe. Insbesondere, dann, wenn Fantasien, Gedanken, Leib und Seele Ja rufen kommt die Kirche mit dem erhobenen Zeigefinger und sagt nein. Auf diese Weise vergiftet die Kirche die erotische Liebe.

Entspricht dies tatsächlich der Wahrheit? Puritanismus, der oftmals für christliche Einstellung gehalten wird, tut das sehr wohl. Der Puritanismus beruht auf Angst und Unterdrückung. Echte katholische Moral kommt niemals aus dem Puritanismus. Konnte es sein, dass die Gebote der Kirche nicht dazu da sind, um uns den Spaß und Freude zu verderben, sondern die verborgenen Schätze der erotischen Liebe zu bewahren? Könnte es sein, dass diejenigen die Nietzsches Ansicht teilen vor einer falschen Version von Liebe getäuscht werden und Ihnen der echte verborgene Schatz dadurch entgeht?

Die Auffassung Nietzsches übersieht, dass wir von Gottes ursprünglichen Plan für die Sexualität abgefallen sind. Als Folge der Erbsünde wurde der Eros von der Agape losgelöst. Was zurückgeblieben ist, ist nicht die Liebe, die uns zum Himmel emporhebt, sondern ein billiger herabwürdigender Abklatsch: die Begierde. Die Begierde flammt im Herzen des Menschen als Instinkt auf und sucht nach einem Ventil, wie ein Juckreiz den man kratzen möchte. Viele Menschen, so auch Nietzsche neigen zu einer Auffassung, dass dies die Natur des Eros sei, doch am Anfang war das nicht so (Mt 19,8). Vor der Erbsünde erlebten Mann und Frau das erotische Verlangen nicht als Jagd nach Befriedigung, sondern als Sehnsucht nach allem, was wahr, gut und schön ist. Sie erlebten den Eros als Wunsch zu lieben, wie Gott liebt, als Wunsch sich einander zu schenken und hinzugeben. Deshalb heißt es: beide waren „nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander (Gen 2,25). Mit dem Aufkommen der Scham in der Bibel setzt auch die Begierde ein (vgl. Gen 3,7) und damit die Trennung von Eros und Agape. Nietzsche macht diese Abweichung vom ursprünglichen Plan zur Norm. „Jeder tut es.“ Doch erkennt er dabei nicht, dass die kirchliche Lehre weit davon entfernt, „dem Eros Gift zu geben,“ eine Einladung ist, die ganze Dimension des Eros zu erfahren: Indem wir zulassen, dass der Eros vom göttlichen Feuer der Agape gereinigt wird, jener einzigen Liebe, die wirklich unseren Hunger zu stillen vermag.

Haben wir erst einmal verstanden, dass uns Eros ohne Agape nie befriedigen kann, das heißt für uns der Begierde nachzugeben ist wie aus einem Müllereimer zu essen, um unseren Liebeshunger zu stillen. Warum würde sich freiwillig jemand dazu entschließen, die Reste aus dem Mülleimer zu essen? Sicher, es ist besser als zu verhungern! Doch die meisten von uns meinen der Mülleimer sei das einzige Angebot. Doch dann haben wir die Frohe Botschaft des Evangeliums nicht gehört oder ihr möglicherweise nicht geglaubt. Wir haben nicht gehört oder geglaubt, dass Gott uns ein überreiches Festmahl der Liebe anbietet. Und indem wir denken, der Müll sei unsere einzige Hoffnung auf eine Mahlzeit, werden wir abgestumpft und bitter, wenn wir die Kirche sagen hören: „Du sollst nicht aus dem Mülleimer essen.“ Dabei übersehen, dass dieses Verbot der Kirche im Grunde nichts anderes ist, als eine Voraussetzung, um zu dem überreichen Festmahl zu gelangen, für das wir erschaffen wurden.

Dem wahren Weg zu folgen, den Christus uns lehrt, unterdrückt nicht den Eros, sondern er reinigt und erlöst ihn. Ja, Christus nachzufolgen bedeutet, der Begierde zu wiedersagen, aber wie Johannes Paul II. schreibt, ist dies nur deswegen erforderlich, damit wir „im Erotischen…. die wahre Würden des Sich-Schenkens“ wieder entdecken. „Hier liegt die Aufgabe des menschlichen Geistes… Wird diese Aufgabe nicht geleistet, werden die Anziehungskraft der Sinne und die Leidenschaft des Körpers bei der reinen, von jedem ethischen Wert losgelösten Begierde womöglich stehen bleiben.“ Wenn der Mann und die Frau hier tatsächlich stehen bleibt, „erfährt er nicht jene Fülle des Eros, die den Aufschwung des menschlichen Geistes zum Wahren, Guten und Schönen bedeutet und wodurch auch das Erotische wahr, gut und schön wird“. (TDL 12.11.1980/Nr.1)

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